Offener Brief an Frau Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD), Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales, Schule und Sport in Berlin- Pankow

vom
Aktionsbündnis Berliner Künstler gegen den Kulturabbau in Pankow
www.aktionsbuendnis-berliner-kuenstler.de
kuenstlerprotest@aol.com

per Mail
lioba.zuern-kasztantowicz@ba-pankow.verwalt-berlin.de

Zur Kenntnis an
Bezirksbürgermeister Herrn Matthias Köhne, matthias.koehne@ba-pankow.verwalt-berlin.de
Vorsteher der BVV Pankow Herrn Burkhard Kleinert, bvvb10@ba-pankow.verwalt-berlin.de
Bezirksstadtrat für Kultur Herrn Michail Nelken, michail.nelken@ba-pankow.verwalt-berlin.de

Berlin, 12.07.2009
Sehr geehrte Frau Lioba Zürn-Kasztantowicz,

wir, das Aktionsbündnis Berliner Künstler gegen den Kulturabbau in Pankow, bitten Sie um Antwort auf einige aktuelle Fragen.

Uns geht es um den Erhalt des Kulturareals Thälmannpark, des letzten großen kommunalen Kulturzentrums in einem Bezirk mit 350.000 Einwohnern! Unter www.aktionsbuendnis-berliner-kuenstler.de sprechen sehr bekannte Persönlichkeiten für die Notwendigkeit, den Erhalt und die Qualität der dort ansässigen Einrichtungen und ihres Konzepts. Wir wenden uns gegen den exemplarischen Abbau von Basiskultur in der Stadt Berlin! Alle Bezirke haben inzwischen stark unter dieser kurzsichtigen und verfehlten Kommunalpolitik zu leiden! Sehr gut nachzulesen im Textarchiv der Berliner Zeitung, Feuilleton, 08.06.09 unter der Überschrift: "Oben Füllhorn, unten Armut; 100 Millionen fließen aus dem Konjunkturtopf in die Kultur - an der Basis kommt davon nichts an" von Birgit Walter.

Es gab und gibt inzwischen unzählige Initiativen, die sich gegen diese Politik verwahren! Wie wird darauf reagiert? Mit einem Prinzip, das Methode hat, so wie in unserem speziellen Fall. Nennen wir es "Tatort Thälmannpark":

1999 wurde die Grundschule Senefelderstr. 6 geschlossen. Mit EU- Mitteln in Millionenhöhe entstand dort sukzessive das Kinder- und Jugendkulturzentrum Eliashof. Zehn Jahre später im Frühjahr 2009 fassten SPD und Grüne einen folgenschweren Mehrheitsbeschluss: Der Eliashof soll wieder Grundschule werden, wobei dieser Ort aber den Bedarf an Grundschulplätzen bei weitem nicht abdeckt und nur eine Übergangslösung darstellt! Eine grundsätzliche Lösung, nämlich der Bau einer neuen Grundschule, wurde dagegen sehr schnell ausgeschlossen. Aus dieser Mehrheitsentscheidung resultiert nun, dass die EU- Fördergelder zurückgezahlt werden müssen und die Freien Träger des Eliashofs "obdachlos" werden.
Der Bereich Schule zieht sich zurück, das Kulturamt soll sich um Räume für die Freien Träger kümmern. Es gibt aber kaum noch kommunale Einrichtungen im Bezirk. Das Kulturareal Thälmannpark kommt nun "offiziell" ins Gespräch. Es sollen Raumkapazitäten geprüft werden. Eine Projektgruppe mit Vertretern aus dem Eliashof und dem Kulturareal Thälmannpark wird "einberufen" und mit dieser Aufgabe betraut. Die Prüfung der räumlichen Kapazitäten ergab Folgendes: Das von den bezirklichen Einrichtungen ausgenutzte Platzangebot im Thälmannpark beträgt ca. 1.200 qm. Der Eliashof hat einen Platzbedarf von 1.110 qm angemeldet und sieht noch einen Mehrbedarf. Der Konsens beider Seiten - es geht nicht!
Die Projektgruppe wird weiter "beschäftigt" und das Kulturamt soll sich ein "Konzept" überlegen, was beide Kulturareale auf dem Gelände des Kulturensembles Thälmannpark vereinen soll - eine technisch, rechnerisch und konzeptionell nicht zu erfüllende Aufgabe in Anbetracht der beschriebenen Raumkapazitäten.

Bei Einberufung der Projektgruppe wurde sowohl von der Bezirksverordneten Frau Clara West (SPD), als auch vom Bezirksverordneten Herrn Cornelius Bechtler (Bündnis 90/Die Grünen) betont: "Die Projektgruppe arbeitet ergebnisoffen! Was nicht geht, geht nicht!" Auch die übrigen Fraktionen stimmten dieser Beteuerung zu.
An diese Aussage will sich nun - noch bevor die Projektgruppe ihre Ergebnisse der BVV überhaupt präsentieren kann - niemand erinnern. Frau West (SPD) will bei der BVV am 15.07.09 - ganz schnell vor der Sommerpause - mit einem Antrag, der den Fraktionen bereits vorliegt, Tatsachen schaffen.
Aber auch an anderen Stellen laufen längst Aktivitäten, welche die Einberufung der Projektgruppe als Scheinmanöver entlarven und deren Arbeit zur Alibiveranstaltung degradieren.

Hierzu unsere Fragen:

- Als Projektgruppenmitglieder "Thälmannpark" hatten wir in einem Schreiben an Frau West am 22.06.09 um die Bereinigung des Mail-Verteilers der Projektgruppe gebeten. Wie erklären Sie, dass eine am Eliashof ansässige Initiative Ihnen den Mailverkehr der Projektgruppe weitergeleitet hat? Wie erklären Sie, dass nicht Sie in Ihrer offiziellen Funktion als Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales und Schule in Berlin-Pankow diese Mail erhielten, sondern über lio@geotek.de? Welchen Bezug hat die Firma Geotek, ein IT-Systemhaus, das im Rahmen eines Forschungsprogramms des Berliner Senats gegründet wurde und wo Herr Martin Kasztantowicz (ein Verwandter, Frau Zürn-Kasztantowicz?) Geschäftsführer ist, zu der Arbeit der Projektgruppe? (siehe Anhang)

- Der Mailverkehr wurde ebenso versendet an Ralf Hillenberg (SPD), u.a. Vorsitzender des Petitionssausschusses des Abgeordnetenhauses von Berlin und der Geschäftsführer IPB.B Ingenieurbüro für Projektentwicklung und Baubetreuungs GmbH, Geschäftsfelder sind: Bauträger, Kauf und Verkauf von Immobilien, Erstellen von Gutachten.

Bei den nun folgenden Fragen beziehen wir uns u.a. auf die Drucksache VI-0599 der BVV Pankow:

I. Das Kinder- und Jugendkulturzentrum "Eliashof", Senefelderstr. 6, in 10437 Berlin, wird mit der Zielsetzung ab dem Schuljahr 2010/ 2011 eine 2-zügige Grundschule aufzunehmen zu einem integrierten Schul- und Musikschulstandort entwickelt.

II. Das Bezirksamt entwickelt zusammen mit den Betroffenen ein Konzept zur Verlagerung der
Jugendkulturangebote des Eliashofs in andere geeignete bezirkliche Objekte.

(…)

V. Für die am Eliashof ansässigen Initiativen und den Musikschulstandort in der Pappelallee
werden umgehend Ersatzstandorte geschaffen. Die Initiativen werden möglichst gemeinsam vorzugsweise im Sanierungsgebiet Helmholtzplatz oder in der näheren Umgebung untergebracht.

a. Als Ausweichstandort für die Initiativen ist das Kulturensemble im Thälmannpark zu prüfen. Diese Prüfung und eventuelle Umsetzung soll in enger Abstimmung mit den dort bereits ansässigen Angeboten, den aus dem Eliashof zu verlagernden Initiativen, dem Fachbereich Kunst und Kultur und der BVV geschehen. Hierfür soll eine Projektgruppe unter Beteiligung der genannten Akteure unter Leitung einer Vertreterin/eines Vertreters der BVV eingerichtet werden.

- Soll ein Problem, welches im Bereich Schule entstanden ist und an den Fachbereich Kunst und Kultur weitergereicht wurde, nun dem Bezirk "helfen", weitere kommunale Einrichtungen zu streichen?

- Ist mit "Ersatzstandorte schaffen" gemeint, dass die bezirklichen Einrichtungen des Kulturareals Thälmannpark den freien Initiativen aus dem Eliashof Platz machen sollen?

- Gibt es ein Konzept, welches das Bezirksamt zusammen mit den Betroffenen des Eliashofs zur Verlagerung der Jugendkulturangebote in andere bezirkliche Objekte entwickelt hat? Wenn ja, wann wird es der Projektgruppe vorgestellt?

Von Anfang an war bekannt, dass die Räumung des Eliashofs das Grundschulproblem gar nicht löst. Daher gehen wir davon aus, dass in der Abteilung Gesundheit, Soziales, Schule und Sport nach Alternativlösungen gesucht wird. Wir haben nur leider noch nichts davon gehört! Und daher kommen wir jetzt zu weiteren Fragen:

- Welche Haltung haben Sie zu den beschriebenen Problemen im Bereich Kultur, die durch den von Ihnen geleiteten Bereich Schule verursacht wurden?

- Welche Initiativen haben Sie inzwischen eingeleitet bzw. welche Alternativen prüfen Sie ernsthaft, um zur Lösung des neu entstandenen Problems beizutragen?

Wir zitieren noch einmal: Das Kulturareal Thälmannpark sollte als "möglicher" Ausweichstandort geprüft werden und zwar in "enger Abstimmung mit den dort bereits ansässigen Angeboten". Wenn Sie sich als Bezirksstadträtin für Gesundheit, Soziales, Schule und Sport bei dieser Angelegenheit in der Pflicht fühlen, den Jugend- und Kulturangeboten des Eliashofs zu helfen, begrüßen wir das, aber bitte nicht mit dem Ergebnis, dass die bezirklichen Einrichtungen im Kulturareal Thälmannpark zerstört und damit die dort stattfindenden Veranstaltungen, Konzerte, Inszenierungen, Ausstellungen und Angebote namhafter Künstler abgewickelt werden.

Mittlerweile müssen wir davon ausgehen, dass genau dieses Ziel verfolgt wird. Wir zitieren aus dem Antrag "Kulturensemble am Thälmannpark-Konzeption" von SPD und Grünen, über den die BVV am 15.07.09 entscheiden soll:

Drucksache VI-0841
Für die Konzepterstellung sind die folgenden Rahmenvorgaben maßgeblich:(…)
o Berücksichtigung der konzeptionellen Integration sowie räumlichen Unterbringung der derzeit noch im Kinder- und Jugendkulturzentrum Eliashof ansässigen Initiativen (Murkelbühne, Prenzlkasper, Flatback & Cry, Klangschmiede, Interkulturelle Kiezbühne Prenzlauer Berg und Initiative Bürgerstiftung Prenzlauer Berg).
o Weiterentwicklung der derzeit im Thälmannparkensemble ansässigen und der ggf. zu verlagernden Angebote (s.o.)

Seien Sie versichert, dass wir uns als Aktionsbündnis gegen dieses Vorhaben mit allen Kräften zur Wehr setzen! Wir veröffentlichen diesen offenen Brief und auch Ihre Antwort auf unserer Website. In gespannter Erwartung auf die Beantwortung unserer Fragen und
mit freundlichen Grüßen

Für das
Aktionsbündnis Berliner Künstler gegen den Kulturabbau in Pankow

Wenke Hardt, Ralph Hüttig, Daniela Herr, Prof. Jens Becker

Anhang:

Aus dem Mailverkehr der Projektgruppe

> -----Ursprüngliche Nachricht-----
> Von: Prenzlkasper@aol.com
> Gesendet: 25.06.09 19:48:48
> An: kathleenkrenzlin@online.de, clarawest@gmx.de, MKubusch@murkelbuehne.de, mail@cornelius-bechtler.de, eve.herder@yahoo.de, AndreasDomke@aol.com, christa.juretzka@ba-pankow.verwalt-berlin.de, info@singuhr.de, info@kunsthaus-ev.de, daniele.herr@gmx.de, monika.meiser@berlin.de, knut.gebhardt@t-online.de, klangschmiede@t-online.de, JBecker570@aol.com, wenkehardt@web.de, stefanie.remlinger@gruene-pankow.de, Klingerei@aol.com, christine@gebreyes.de, jf@brotfabrik-berlin.de, roewer@foerderband.org, claudia.wiedemer@gmx.net, theateruntermdach@gmx.de, info@wabe-berlin.de, martin.molitor@gmx.net, michail.nelken@ba-pankow.verwalt-berlin.de, info@fraktion-cdupankow.de, kontakt@linksfraktion-pankow.de, info@inkukbuehne.de, holger.dernbach@ba-pankow.verwalt-berlin.de, bvvb1@ba-pankow.verwalt-berlin.de, PUPPENTHEATER@aol.com, romy.koehler@buergerstiftung-pb.de, gabi.pompe@ba-pankow.verwalt-berlin.de
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