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29. Juli » Feuilleton
Zwei Euro Stundenlohn
Plötzlich reicht das Künstlern nicht mehr. Die Berliner
freie Szene nimmt Anlauf zur Rebellion
Birgit Walter
Ralf Ollertz und Toula Limnaios leiten ein 20-köpfiges Unternehmen
mit eigener Produktionsstätte. Das Produkt ist in Deutschland
und Europa gefragt, aber auch in Japan, Afrika, Australien, Südamerika
und den USA. Die Marke besteht seit 13 Jahren und konnte langsam,
aber stetig wachsen, so dass die Nachfrage das Angebot übersteigt.
Ralf Ollertz bringt eine an Besessenheit grenzende Leidenschaft in
seine Arbeit ein, dazu vier Diplome. Alles spricht dafür, dass
er ein gemachter Mann ist, ein Erfolgsmanager, so etwas. Doch er spielt
mit dem Gedanken, alles hinzuschmeißen, denn das Unternehmen
stellt keine Schrauben her, sondern Kunst. Es ist die Compagnie Toula
Limnaios mit Sitz in der Halle Tanzbühne Berlin in Pankow.
Ollertz ist jetzt Mitte vierzig und will ein Einkommen deutlich unterhalb
der Armutsgrenze für sich und die Compagnie nicht mehr hinnehmen.
Er ist Komponist, Pianist, Dirigent, Tonmeister und stellt nüchtern
fest: Als Dirigent hat er früher mitunter an einem Abend mehr
verdient als heute in einem Jahr. Heute, wo er sich bewusst für
das Kreative entschieden hat, wo er Stücke mit Toula Limnaios
macht und die Musik dafür schreibt. Die Compagnie steht 96 Mal
im Jahr auf der Bühne, bringt jährlich zwei Uraufführungen
heraus, hat ausverkaufte Vorstellungen - alles läuft optimal,
denkt man. Aber die Mitglieder der Compagnie haben nach Ollertz' Rechnung
ein Netto-Einkommen von 650 Euro, oft bei einer 60-Stunden-Woche.
"Eine Weile hält man das durch, aber nicht dauerhaft",
sagt der Künstler und Manager.
Was läuft falsch? Alles. Der Erfolg der Compagnie bei ihrer gleichzeitigen
existenziellen Bedrohung ist ein Beispiel für das Versagen der
jetzigen Fördermodelle, auf die die Freie Theaterszene angewiesen
ist. Anders als die bildende Kunst oder die Literatur braucht die
darstellende Kunst grundsätzlich Fördermittel, weil Theater
und Tanz die Bühne voraussetzen und eine Art Apparat. Der refinanziert
sich allenfalls im Unterhaltungssektor, der Rest braucht Geld. Das
ist unstrittig, nur die Verteilungsmodelle taugen nicht mehr. Erstmals
gibt es so etwas wie eine Rebellion auch unter Freien: Vertreter freier
Theaterschaffender und Tänzer (LAFT und TanzRaumBerlin Netzwerk)
verlangen mehr Geld: Sie wollen 10 Millionen statt wie bisher 4 Millionen
Euro für die freie Szene. Damit sollen nicht mehr Künstler
gefördert, sondern die vorhandenen anständig honoriert werden.
Die, die trotz der Erfolge von skandalös niedrigen Einkommen
leben müssen wie die Compagnie Toula Limnaios. Die Sprecherinnen
der Protest-Initiativen, Anne Passow und Silvia Schober, nennen ihre
Forderung Honoraruntergrenzen.
Morgen tragen sie ihr unerhörtes Anliegen dem Kulturstaatssekretär
André Schmitz vor und werden verlangen, dass die Politik keine
Ausbeutung in dieser Form mehr fördert. Schmitz dürfte dann
darlegen, wie er sich einsetzen wird für die Szene, ohne die
kleinste Aussicht auf Erfolg für seine Bemühungen zu versprechen.
Die Schulden Berlins werden nicht unerwähnt bleiben. Schmitz
wird denken, dass er nun wirklich Baustellen von anderen Dimensionen
hat. Werden 240 Millionen für die Renovierung der Staatsoper
reichen? Können drei Opern mit jährlich 120 Millionen auskommen?
Das sind die Dinge, für die die Politik zuletzt Geldtöpfe
geöffnet und sich stark gemacht hat. Nicht für die Armuts-Beträge
dieser Freiberufler.
Ist die Forderung nun berechtigt oder unverschämt? Muss Berlin
überhaupt alle Freiberufler auskömmlich subventionieren?
Natürlich nicht. Nicht jeder Möchtegernspagatperformer kann
Geld vom Staat erwarten, hat er auch nie bekommen. Es gibt in jeder
Sparte zehn Mal so viele Anträge wie Fördermittel, nur die
Besten haben Chancen, alles andere sortieren Juroren aus. Doch selbst
wer sich zur Spitze entwickelt, bleibt unweigerlich im Förderdschungel
stecken. Egal, ob sich eine Compagnie Ansehen und Größe
erspielt - zu einer auskömmlichen langfristigen Förderung
hat es nicht mal Sasha Waltz gebracht. Dafür ist das Fördermodell
in mehreren Stufen, das eigentlich nach oben offen sein soll, zu undurchlässig.
Und politische Tricksereien sorgen zusätzlich für Empörung.
So wurde ausgerechnet das konventionelle Renaissance-Theater, lange
aus Töpfen der Szene gespeist, jetzt grundlos wieder "nach
oben" gestuft. Die fatale Aktion raubt der freien Szene jährlich
einen Millionenbetrag und verhindert den Aufstieg anderer.
Die zweite System-Krankheit sind die Kriterien, nach denen die Mittel
verteilt werden: Wer in seinem Antrag auskömmliche Honorare für
Künstler einplant, hat schon mal keine Chance, weil die Mittel
zu knapp sind und viele Projekte ein bisschen was bekommen sollen.
Beispiele aus der Praxis sehen so aus: Ein Produktionsleiter arbeitet
für 2,08 Euro die Stunde, ein Tänzer für 3,12 Euro.
Der Regisseur, Autor und Darsteller bekommt für ein Stück
6,25 Euro bei einer 40-Stunden-Woche. Zur Erinnerung - es geht um
staatlich geförderte Projekte. Und zum Einsatz kommen keine Hobby-
oder Laienspieler, sondern Künstler nach der Ausbildung. Eine
Studie von 2009, die Arbeitszeit und Einkommen von 4000 Theater-Freiberuflern
untersuchte, stellt fest: Sie sind überwiegend sehr gut ausgebildet,
mehrsprachig, flexibel, mobil, belastbar, vor allem aber: arm. Zwei
Drittel arbeiten im Niedriglohnbereich.
Wenn ein ausgebildeter Koch bei einer Zeitarbeitsfirma für 6,50
Euro die Stunde schuften muss, wird er von Talkshow zu Talkshow gereicht
und allgemeine Empörung ist ihm sicher. Jeder Politiker verteidigt
Mindestlöhne für Fensterputzer. Eine Tänzerin, die
als Sechsjährige erstmals an die Stange geht, sich mit 40 einen
neuen Beruf suchen muss, dazwischen mit martialischer Disziplin eine
Leidenschaft verfolgt, findet für ihre lächerlichen Honorare
nicht mal Aufmerksamkeit.
Aber Freiberufler sind in der Kultur keine Minderheit mehr, auch wenn
dieser Status gern als "Übergangsstadium" in eine feste
Stelle angesehen wird. Nein - die Künstler verbringen als Freie
ihr Leben. Die Kulturszene nimmt eine gesellschaftliche Entwicklung
vorweg, die zeigt, wohin die Reise geht, wenn aus einem Land von Festangestellten
ein Land von Freiberuflern wird. Elf Prozent der Erwerbstätigen
in Deutschland sind heute Freiberufler, in der Kultur sind es schon
50 Prozent.
Wie reagieren die Modelle der Kulturförderung darauf? Überhaupt
nicht. Vier Millionen Euro Fördermittel gehen in die hoch innovative
Freie Szene (Projekt-, Spielstätten- und Basisförderung)
mit ihren extrem schlanken Strukturen und hoher Produktivität.
250 Millionen Euro fließen in die großen Bühnen.
Dort gibt es jetzt zusätzliche Steuermittel, um die Tarife aufzustocken.
Dass auch in der freien Szene ein höherer Einkommensbedarf bestehen
könnte, spielt dagegen nicht mal in politischen Sonntagsreden
eine Rolle. Da kommt nur die Coolness, Andersartigkeit und Anziehungskraft
der weltberühmten Berliner Szene vor. Die allerdings ist für
Fremde oft spannender als das Etablierte.
Ralf Ollertz und Toula Limnaios haben 230 000 Euro Fördermittel
beantragt, 90 000 Euro reichen nicht mehr für die ambitionierte
Compagnie. Für die fühlen sie sich verantwortlich, die wollen
sie nach all den Jahren angemessen bezahlen. Auch erwarten sie Respekt
für ihre Arbeit von der Politik. Die Tänzer sollen nicht
nach acht Stunden Proben kellnern gehen müssen. Aber wahrscheinlich
ist das zu viel verlangt.
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"Freiberufler sind gut ausgebildet, flexibel, mobil, belastbar,
mehrsprachig und arm." Studie von 2009
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Foto: Tänzer der Compagnie Toula Limnaios in dem Stück "Reading
Tosca"
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HAUSHALT
Gemein, ideenlos und ungerecht
Birgit Walter
Bescheiden und unheroisch hatten sich die Berliner Kulturpolitiker
gegeben, als sie sich vor einem Monat in die Ferien verabschiedeten
und vorher die Eckdaten für den nächsten Kulturhaushalt
verabschiedeten: Um 16 Millionen Euro hatten sie ihn aufgestockt.
Er wächst ab 2010 von 354 Millionen auf 390 Millionen im Jahr,
wobei 20 Millionen Euro davon eine Art "Durchläufer für
Mieten" sind. Aber immerhin: 16 Millionen mehr, und das mitten
in der Krise. Erstmals seit 1995 gibt es auch Geld, um das Personal
besser zu bezahlen. Bisher mussten die Theater und Museen immer sehen,
wo sie Tariferhöhungen für ihre Mitarbeiter einsparen: Weniger
Stücke, weniger Leute, weniger Ausstattung - diese Dinge standen
zur Auswahl. Es gibt kein Theater mehr, das nicht voller Energiesparlampen
hängt.
16 Millionen Euro mehr
Nun in der Sommerpause sickern die konkreten Zahlen langsam durch,
über die ab September beraten wird, und man versteht, warum die
Kulturverwaltung sie eher uneifrig verkündete: Sie sind gemein
und ungerecht. So steigen allein die Subventionen für die drei
Opern um 2,4 Millionen auf 120,7 Millionen. Ja, es ist gut, dass Mitarbeiter,
die in den letzten Jahren wie alle Landesbediensteten auf 10 Prozent
Gehalt verzichten mussten, nun wieder auskömmlicher verdienen.
Andererseits war ihnen dafür auch der Arbeitsplatz vor Kündigung
sicher. Und vor allem: Die Opern bekommen schon ab 2009 zwanzig Millionen
zusätzlich.
Hier ergänzend einige andere Zahlen: 1 Million mehr für
das Deutsche Theater, 1 Million für die Volksbühne und 300
000 Euro zusätzlich für den Friedrichstadtpalast. Das ist
alles in Ordnung, keinem wird der Aufwuchs missgönnt. Allein
verglichen mit der Förderung, die in die kreative freie Szene
geht, ist dieser Haushaltsansatz rabiat, roh und ideenlos. Er gibt
der einen Hälfte des künstlerischen Personals der Hauptstadt,
die schon ordentlich abgesichert ist, und ignoriert die andere Hälfte,
die ein Gedeihen der Hochkultur erst ermöglicht und für
die sie weltberühmt ist. In der sogenannten freien Szene, die
mit Fördermitteln ausgestattet wird, gibt es international gefragte
und künstlerisch über jeden Zweifel erhabene Compagnien,
die trotzdem über Jahre unterhalb des Existenzminimums leben.
Zwei, drei oder vier Euro Stundenlohn sind hier nicht die Ausnahme.
Jeder zweite Künstler in Berlin ist ein Freiberufler, aber in
die freie Szene investierte Berlin bisher den vergleichsweise lächerlichen
Betrag von 9,2 Millionen Euro. Das Unglaubliche: Künftig wird
dafür (Projekt-, Basis- und Konzeptförderung) nur noch 7,9
Millionen ausgegeben, also 1,3 Millionen weniger.
Dagegen wird der Kulturstaatssekretär einwenden, dass zum Ausgleich
das Renaissance-Theater nicht mehr aus den Töpfen der freien
Szene bedient wird. Aber da hat es auch nie hingehört. Das ist
ein Theater, das mit seinem Programm und 2,1 Millionen Euro jährlich
den unsubventionierten Bühnen unlautere Konkurrenz macht, etwa
den Kudamm-Bühnen. Aber der freien Szene, der die Fördermodelle
Aufstiegschancen einräumen sollen, der fehlen nun 1,3 Millionen
Euro.
Letzte Woche haben deren Vertreter in der Kulturverwaltung vorgetragen,
dass auch diese Künstler von ihrer Arbeit leben wollen. Sie forderten
eine Art Honoraruntergrenze für geförderte Projekte - und
damit 10 Millionen Euro mehr. Natürlich entbehrt das nicht einer
gewissen Frechheit. Aber es ist auch eine scharfe Klage gegen die
Unkreativität der Politik, einfach immer weiter zu machen wie
bisher, egal wie sich die Szenen verändern. Egal, wie berühmt
die Freien werden, sie bleiben auf unterstem Niveau. Der Haushalt
sei fertig, wurde ihren Vertretern beschieden. Es gebe keine Chance
auf mehr Geld.

Der Chor des ehemaligen Erich-Fried-Gymnasiums singt für
die WABE
Foto: Stefan Liebich
Am morgen ein Infostand in Niederschönhausen. Dort habe
ich die Mutter einer jungen Frau getroffen, für die ich
im Mai die Jugendweiherede gehalten habe. Passiert immer wieder.
Dann weiter zum S-Bahnhof Prenzlauer Allee, dort mit der anderen
linken Kandidatin aus dem Prenzlauer Berg, Halina Wawzyniak,
Infomaterial verteilt. Die Prenzlauer ist schließlich
die Grenze zwischen den Direktwahlkreisen 77 und 84. Mich
dann mit unserem Kulturstadtrat Michail Nelken getroffen um
eine Podiumsdiskussion vorzubereiten, die auf dem Fuße
folgte. Ein Aktionsbündnis von Künstlerinnen uns
Künstlern kämpft dagegen, dass in unserem Bezirk,
wie von SPD und Bündnis 90 / Die Grünen gegen alle
anderen Parteien in der BVV beschlossen wurde, die Jugendprojekte,
die jetzt im Eliashof arbeiten, in den Thälmannpark (Wabe,
Theater unter Dach) ziehen sollen. Das passt nämlich
gar nicht und geht zu Lasten der kommunalen Kultur. Wer mehr
wissen will, klickt hier.
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